An Bord und leinenlos.
Die Geschichte des deutschen Fernsehens war bereits Gegenstand vieler Untersuchungen. Bisher lag das
akademische Interesse jedoch meistens auf Programmgeschichte, Serieninhalten oder
einzelnen Medienschaffenden, nicht jedoch auf den konkreten Produktionsbedingungen und
Produktionsprozessen, aus denen diese allererst hervorgehen. Mit dem Forschungsprojekt namens
serielle Handlungsmacht, einer historischen Produktionsstudie zu Serien im öffentlich-rechtlichen
Unterhaltungsfernsehen, wollen wir solche konkreten Produktionsabläufe untersuchen.
Ausgangspunkt ist für uns dabei der Nachlass des 2016 verstorbenen Fernsehproduzenten Wolfgang
Rademann. Im Zentrum stehen einige seiner prominentesten Arbeiten, beispielsweise die
Schwarzwaldklinik, Laufzeit 1985 bis 89 und der ZDF-Dauerschlager, das Traumschiff, das
immerhin seit 1981 ausgestrahlt wird. Aufgrund der langjährigen Zusammenarbeit mit dem ZDF
bieten sich die Produktionen Rademanns geradezu für historische Langzeitstudien an. Gerade
hier können stabile und sich wandelnde Produktionsbedingungen kontinuierlich beobachtet werden.
Wie kam es zu diesem Projekt? Warum existieren derartige historische Fallstudien im deutschsprachigen
Forschungskontext bislang kaum? Ausschlaggebend hierfür ist wohl das Fehlen von Material,
an dem kommunikative Aushandlungen von Produktionsprozessen erst nachverzogen werden könnten. Der Vorteil
unseres Forschungsprojektes liegt nun darin, dass wir eng mit der Deutschen Kinemathek
in Berlin zusammenarbeiten, die den von Rademann selbst akribisch geführten Arbeitsnachlass
verwaltet und uns zugänglich macht. Wir bekommen so eine Insiderperspektive auf diesen
umfangreichen Fundus, der aus Rademanns Projekt-Skizzen, Korrespondenzen, Drehbuchfassungen, Probeaufnahmen,
Algebuchnotizen und Fotografien besteht. Hinzu kommt eine Sammlung an Rezensionen, Interviews
und vielen weiteren Versatzstücken. Beeindruckend ist, dass Rademanns Archiv einen Zeitraum von
fast 60 Jahren umfasst. Uns eröffnet sich also die Möglichkeit, zentrale Bestandteile
des öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsfernsehens mit all seinen institutionellen Rahmungen,
zentralen Akteuren und Aushandlungsprozessen in ihrer Entwicklung über einen langen Zeitraum
hinweg zu untersuchen. Wie ist das Projekt aufgebaut?
Methodisch situieren wir unser Projekt im Forschungsfeld der Produktionsstudien bzw.
Production Studies und kombinieren diese mit der Akteurnetzwerktheorie nach Bonolatur.
Wir verfolgen damit eine detaillierte Erfassung der Kommunikation- und Aushandlungsprozesse,
der Vernetzungen und Konkurrenzen unterschiedlicher Akteure. Um zu einem vertieften Verständnis
der kommunikativen Aushandlung innerhalb von seriellen Produktionen zu gelangen, möchten
wir an Materialen nachvollziehen, wie Handlungsmacht innerhalb institutioneller Formationen ausgehandelt
und immer wieder neu verteilt wird. Insbesondere im Nachvollzug dieser Verhandlungen und Verteilungen
lässt sich zeigen, mit welchen Maßnahmen Akteure ihre Handlungsmacht stabilisieren
und wie bestimmende Akteure, etwa Rademann selbst, kommunikativ in Erscheinung treten.
Nicht zuletzt der Umfang des Nachlasses stellt uns natürlich vor das Problem, Selektionsprinzipien
für unser Projekt zu entwickeln. Bestimmen lassen sich diese natürlich erst bei mehrfacher,
genauer Sichtung der Bestände. Was sich aber bereits sagen lässt, ist, dass die Serie
Das Traumschiff einen prominenten Platz in Rademanns Nachlass einnimmt. Kontinuierlich
von 1981 bis kurz vor seinem Tod von Rademann für das ZDF produziert, lassen sich die
spezifischen Produktionsmechanismen für diese Serie über mehrere Dekaden hinweg untersuchen.
Daraus gearbeitet werden können so sich allmählich ritualisierende Wiederholungen, aber auch
Veränderungen, die sich in die Produktion ebenso einschreiben wie in die Serie selbst.
Land in Sicht – Ziele des Forschungsprojektes
Was erhoffen wir uns von dem Projekt? Anhand des Nachlassmaterials möchten wir rekonstruieren,
wie das Zusammenspiel von Faktoren, Strukturen und diversen Akteuren, allen voran Wolfgang
Rademann, dazu geführt hat, dass ein bestimmtes Segment des seriellen Fernsehunterhaltungsprogramms
so gesendet wurde, wie es gesendet wurde, warum andere Optionen nicht zustande kamen
und wie sich die Serien dabei weiterentwickelten. Einen roten Faden finden wir auch in der
erstaunlichen Tatsache, dass der Fernsehproduzent Rademann relativ früh und dann über mehrere
Presenters
Zugänglich über
Offener Zugang
Dauer
00:07:14 Min
Aufnahmedatum
2020-07-07
Hochgeladen am
2020-07-07 12:06:33
Sprache
de-DE
Trailer zum DFG Serielle Handlungsmacht. Eine historische Produktionsstudie zu Serien im öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsfernsehen auf Grundlage des Nachlasses von Wolfgang Rademann